Archiv für den Monat März 2017

Rezension: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch – Andrew Miller – Paul Zsolnay Verlag

Die fantastische Reise einer Meerjungfrau

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch – Andrew Miller (Autor), Nikolaus Stingl (Übersetzer), 368 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 24 €, ISBN-13: 978-3552058187

 

Tim und Maud treffen sich im Universitätssegelclub. Sie ist ruhig, in sich geschlossen, hat etwas von einem Rätsel, ist eine dieser unerkennbaren, faszinierenden, mysteriösen Frauen. In ihrem Unterarm eintätowiert ist der Satz „sauve qui peut“ – „rette sich wer kann“.

Maud stürzt im wahrsten Sinne des Wortes in Tims Leben. Trotz ihrer Unvereinbarkeiten werden sie ein Paar: sie, aus bescheidenen Verhältnissen, die eigenwillige Naturwissenschaftlerin, die an neuen Schmerzmitteln arbeitet und er, der sorglose Sohn einer reichen, alten Familie, der seine Tage mit Gitarre, Yoga, Kochen und Spaziergängen durch die Stadt verbringen kann.

Zunächst scheint sich das Porträt einer Partnerschaft zu entfalten, aus Tims Perspektive, der um unsere Sympathie bittet und der versucht, Zugang zu Mauds Innenleben zu gewinnen. Dann, ohne Vorwarnung, beginnt die Tragödie und das ganze Gewebe des Romans wird zerrissen durch einen tragischen Unfall. Der Autor schickt Maud allein in die Welt. Maud die Meerjungfrau, Maud,  der verhinderte Seemann baut ein vernachlässigtes Boot wieder auf und macht sich auf eine Solo-Reise über den Atlantik. Der erzählerische Blickwinkel dreht sich um 180°. Tim verschwindet aus der Geschichte und wir werden mit Maud alleine gelassen, die buchstäblich aufs Meer geht.

Es ist ungewöhnlich, einen Roman von zwei solcher inkongruenten Hälften zu lesen, besonders wenn der erste in all seiner provinziellen Gewöhnlichkeit so überzeugend ist und der zweite so problematisch in all seinem exotischen Abenteuer.

Das macht für mich aber den Reiz dieses Buches aus, vor allem der Versuch von Andrew Miller, einen zentralen Charakter in den Griff zu bekommen, dessen innere Existenz aus einer klaffende Leere besteht. Diese Maud fasziniert: ist sie eine mythische Figur oder vielleicht eine Meerjungfrau oder einfach nur eine langweilige Wissenschaftlerin mit einem Hauch von Asperger? Sie ist nicht nur rätselhaft, sondern sehr sexy.

Andrew Miller liefert eine verheerende Betrachtung über Liebe, Verlust und menschliche Natur, eine atemberaubende Lektüre, mit eleganter Prosa, krassen Bildern und einer wirklich überraschenden Handlung. So schafft er das unauslöschliche Porträt einer geheimnisvollen Frau und ihrer tragischen Suche, die etwas zu finden scheint, was sie braucht, auch wenn wir niemals wirklich wissen, wonach sie gesucht hat.

Diese Maud wird noch lange in Ihrem Kopf verweilen, lange nachdem Sie diesen bemerkenswerten Roman fertiggelesen haben. Wer ist diese unnachahmliche, rätselhafte Maud und wofür steht sie?

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/nachts-ist-das-meer-nur-ein-geraeusch/978-3-552-05818-7/

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Rezension: Das angehaltene Leben – Maurizio Torchio – Paul Zsolnay Verlag

Gefängnisse sind die Eingeweide der Welt

Das angehaltene Leben – Maurizio Torchio (Autor), Annette Kopetzki (Übersetzer), 240 Seiten,  Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3552058217

Die Handlung dies Romans von Maurizio Torchio können wir in ein paar kurzen Worten beschreiben: Ein Häftling erzählt in der ersten Person von seinen Erfahrungen in Einzelhaft, in einem nicht näher bezeichneten Gefängnis, auf einer nicht spezifizierten Insel.  Der Mann war für die Entführung einer jungen Frau verurteilt worden und später wurde seine Strafe um einen Mord erweitert, den er während seiner Haft begangen hat.

Der Autor fügt mit großem Geschick Schnipsel des Gefängnislebens mit der Rekonstruktion der Entführung im Wechsel zusammen.

Der Text zeigt den ständigen Abstieg des Ich-Erzählers, der weder Name noch Alter hat und so für eine allgegenwärtige Zeit spricht, eine Art von Geschichte wie ein alter Mythos, eine Art der Geschichten, die sich mit den tiefsten Wurzeln unseres Wesens beschäftigen: Was ist der Mensch?

Und das vor allem, weil der eigentliche Protagonist nicht der Häftling ist, noch seine Mitgefangenen, noch der Gefängnisdirektor noch die Wächter. Keiner von ihnen hat einen wirklichen Namen, noch eine bestimmte Identität, sondern wird lediglich über seine Funktion definiert. Nein, der eigentliche Protagonist scheint mir das Gefängnis selbst zu sein. Diese Demütigungen aus Isolation, Dunkelheit, Stille und dem Mangel an körperlichen Kontakten. Das Gefängnis ist ein integraler Bestandteil der Gesellschaft und als solcher ihr Spiegel.

Das Gefängnis wird als Gegenpol zum Chaos gesehen, wo es gilt den Idealzustand der Disziplin zu bauen und zu verwalten. So wie beim Ursprung der Schöpfung, als am Anfang das Wort war, und Namen noch nicht existierten. „Als meine Worte noch etwas wert waren, habe ich geschwiegen. Jetzt will ich reden.“ (Seite 30).

Das Gefängnis, dieser extreme Bereich, diese von Torchio mit wissenschaftlicher Genauigkeit und authentisch-existentiell beschriebener Wirklichkeit, ist irgendwie der Rand der Welt und des Lebens und gleichzeitig der Zustand, in dem der Erzähler seine äußerste Grenze findet.

Maurizio Torchio gelingt es, seinem Protagonisten eine glaubwürdige Stimme zu geben, die etwas Schreckliches und Außerordentliches in sich hat.

In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter, so dass wir einen Mann, der eine böse Tat begangen hat und damit als schlecht anzusehen ist, zugleich als Opfer sehen. Er nähert sich der zutiefst menschlichen Frage, was gut und was böse ist. Ihm gelingt es, uns einen wirklichen Einblick in die Komplexität der menschlichen Seele zu geben.

Herausgekommen als stilistisches und strukturelles Ergebnis ist eine sehr kompakte Erzählung,  ein hartes Buch, aber interessant, gut geschrieben und vor allem wirksam.

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-angehaltene-leben/978-3-552-05821-7/

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Rezension: Maria Theresia – Élisabeth Badinter – Paul Zsolnay Verlag

Mutter, Geliebte und Karrierefrau – ein Vorbild?

Maria Theresia: Die Macht der Frau – Élisabeth Badinter (Autorin), Horst Brühmann (Übersetzer), Petra Willim (Übersetzer), 304 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (13. März 2017), 24 €, ISBN-13: 978-3552058224

Mythos Maria Theresia: die mächtigste Frau in der Geschichte, überaus schön, erotische Legende, charmant, akribische Arbeiterin, Supermutter, hingebungsvoll Liebende, König (männlich), perfekte Schauspielerin, Reichshausfrau, Märchenkönigin, entscheidungskräftig und machtbewusste Strategin, kaum ein Attribut, das ihr nicht verliehen wurde.

Maria Theresia von Österreich wurde 1717 in Wien geboren und starb dort im Jahre 1780. Sie war eine der prägenden Monarchen des aufgeklärten Absolutismus. Politisch unerfahren besteigt sie mit gerade 23 Jahren den Thron. Und sie war genauso widersprüchlich, wie das Zeitalter in dem sie gelebt hat und das sie in 40 Regierungsjahren als Machtpolitikerin und als Mutter von 16 Kindern maßgeblich mitgeprägt hatte.

Es gibt nichts, was wir über sie nicht wissen könnten. Warum also eine neue Biographie? Ausser zum Anlass ihres 300ten Geburtstages?

Élisabeth Badinter ist in erster Linie Philosophin und Feministin und erst in zweiter Linie Historikerin. Wir erfahren also, wie nicht anders zu erwarten, keine neuen Fakten, sondern bekommen eine andere Blickweise auf diese ungewöhnliche Frau.

Wie geht diese Frau mit den Widersprüchen, Spannungen, Misserfolgen  und Problemen ihres Lebens um? Wie hat sie ihre weibliche Seite genutzt und den Trumpf der Gefühle und der Verführung ausgespielt? Was können wir heute von ihr lernen?

Élisabeth Badinter prägt das Buch durch den Untertitel „Die Macht der Frau“. Damit gibt sie dieser Ausnahmefrau einen Allgemeingültigkeitsaspekt, den sie auf die moderne Frau übertragen möchte. Ob ihr der Nachweis schlüssig gelungen ist? Oder waren die Verhältnisse der Zeit und die Persönlichkeit von Maria Theresia zu aussergewöhnlich? Lesen Sie und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil.

Auf jeden Fall ist dieses Buch sehr lesenswert. Ein exquisiter Schreibstil, ein gut strukturierter Aufbau und eine perfekte Dokumentation umrahmen diesen interessanten, sozialgeschichtlichen und psychologischen Essay. Es ist keine traditionelle Biographie, sondern eine Reflexion über die drei Aspekte der Königin: Frau, Herrscherin und Mutter.

Es ist die interessante Geschichte eines Lebens und die Geschichte einer Dynastie, intelligent und mit begeisterndem Schwung geschrieben, klar, präzise und ​​nie langweilig, fast wie ein historischer Krimi. Das gelungene Porträt einer starken Frau in einer männlichen Zeit. Oder wie es der Hofbaumeister Emanuel Teles da Silva (1691-1771), die graue Eminenz der Regierung Maria Theresias einmal formulierte: Der „Mann des Jahrhunderts ist eine Frau.“

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/maria-theresia/978-3-552-05822-4/

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Rezension: Ein Sommer – Vincent Almendros – Klaus Wagenbach Verlag

Subtil und delikat mit unerwartetem Ende

Ein Sommer – Vincent Almendros (Autor), 96 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach, (13. März 2017), 15 €, ISBN-13: 978-3803113245

Jean lädt seinen Bruder Pierre mit dessen neuer, skandinavischer Freundin Lone zu einer Mittelmeer-Kreuzfahrt auf seiner Segelyacht ein. Mit an Bord ist Jeanne, die Lebensgefährtin von Jean, die einmal mit Peter zusammen war.

Ist es wirklich eine gute Idee, diese wenigen Tage Urlaub in auf kleinen, intimem Raum? „Ich hatte für einen Moment den Eindruck, dass unsere Reise zu Ende ging. In Wahrheit begann sie gerade.“ (Seite 17) Noch kann sich Pierre nicht vorstellen, dass diese wenigen Tage mit dem Boot in der Nähe der italienischen Küste, sein Leben ändern würden.

Peter, Erzähler dieser Geschichte, versucht Gegenwart und Vergangenheit zu verstehen. Es entwickelt sich eine einfache Geschichte von komplizierten Beziehungen zwischen Geschwistern, von im Entstehen begriffener neuer Liebe, alter Liebe und Lust.

Eine kleine Bootsfahrt unter anstrengender italienischer Sonne, ein Mitternachtsbad. Ist die Liebesgeschichte zwischen Peter und Jeanne vollständig abgeschlossen? Alles sieht aus wie ein Spiel, aber welches? Wer manipuliert wen und warum? Lone scheint viel mehr Dinge, als ihr Begleiter zu erkennen. Aber für den Leser bleibt die Überraschung intakt bis zur letzten Seite.

Ein kleiner Roman voller Wärme und Sinnlichkeit in der engen, intimen Abgeschiedenheit an Bord einer kleinen Yacht. Weniger als 100 Seiten, aber ein Konzentrat von Wärme und duftenden Empfindungen, voller Begierde, Stille und Zweideutigkeiten, voller Fieber. Eine Geschichte von präziser Konstruktion.

Es passiert nicht viel in diesem Roman. Aber mich begeistern die ganz fein artikulierten Empfindungen: Unterdrückung, Langeweile, drückende Hitze, Ersticken, die banalen Gespräche, ein wenig Wehmut, viel Resignation.

Vincent Almendros beschreibt in einer schönen, sinnlichen und konzentrierten Sprache auf sehr subtile Weise die Gefühle und die Gerüche der Vergangenheit. Der Autor schreibt fast im Stil eines begnadeten Aquarellmalers, minimalistisch und flüssig.

Der Reiz dieses Textes liegt vor allem im Unausgesprochenen der Charakterzeichnungen, ihren Fantasien und Frustrationen. Vincent Almendros spielt mit Bildern, Objekten, Ahnungen und er beherrscht sowohl das Schreiben als auch den Aufbau dramatischer Spannung.

Nehmen Sie sich die Zeit, diesen hypnotischen Text zu genießen, so wie Sie den Wein eines großen Jahrganges genießen. Nachdem Sie in einem ersten Durchgang die Grundtöne ermittelt haben, gießen Sie sich ein zweites Glas ein, lesen Sie das Büchlein nochmal und konzentrieren Sie sich auf die bis dahin unentdeckten Feinheiten.

Ausgesprochen lesenswert dieser kurze, aber dichte poetische Roman.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1087-ein-sommer.html

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Rezension. Heldenflucht – Jan Kilman – Heyne Verlag

Roman mit Historie, aber kein Historienroman

Heldenflucht – Jan Kilman (Autor), 512 Seiten, Heyne Verlag (13. März 2017), 9,99 €, ISBN-13: 978-345343837

„Heldenflucht“ nimmt uns mit auf eine Reise in eine düstere Zeit, eine Zeit, die kaum jemand von uns kennt und die wir doch alle fürchten. Das gigantische Gemetzel des ersten Weltkrieges ist vorbei. Es hat 15 Millionen Menschen das Leben und 20 Millionen Menschen die Gesundheit gekostet. Vier Reiche, Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich wurden in den Abgrund gerissen. Es war die Urkatastrophe unserer Zeit.

Wie gehen die Überlebenden mit dieser Situation um? Wie können sie körperlich und seelisch überleben? Welchen Platz finden sie in der neuen, veränderten Gesellschaft?

All diesen Fragen geht das Buch an Hand der Geschichte verschiedener Personen in einem kleinen Eifeldorf nach:

Da steht im Mittelpunkt die Kriegsberichterstatterin Agnes Papen und ihr Onkel, da gibt es den jüdischen Krämer Ruben Lieberstock, der Fabrikant Rudolf Wenger und seine Tochter Nora, der junge Bursch Franz Metzler, der sein Arbeitsleben beginnt, der Ortsvorsteher Friedrich Intze und seine Familie, Wiebke, die Magd, der Arzt Herman Brosch und natürlich Paul, der „stumme“ Franzose ohne Erinnerung. Die vielen Charaktere bleiben leider holzschnittartig und stecken voller Klischees.

Jan Kilman entwirft eine gefällige Geschichte zwischen all diesen Personen, mit Mord und Gewalt, mit Liebe, Intrigen und Eifersüchteleien. Und bietet wenig Überraschendes. Der erste Weltkrieg, die Verhältnisse in der Nachkriegszeit scheinen mir mehr Kulisse als integrierter Bestandteil der Geschichte zu sein.

Der Autor baut den Roman weitgehend chronologisch auf, unterbrochen von Briefen von der Front, die ein tiefes Bild in Kriegseuphorie und Kriegselend bieten.

Das Buch erinnert ein bisschen an die Art von Ken Follet, zeitgeschichtliche Ereignisse in eine Romanform, in eine packende Geschichte zu bringen. Der Autor reicht aber in seiner Formulierungskunst bei weitem nicht an Ken Follet heran. Deshalb gibt es einen Punkt Abzug.

Trotzdem lesenswert und durchaus informativ. Schnell geschriebene und schnell weg zu lesende Unterhaltungslektüre.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Heyne Verlages

https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Heldenflucht/Jan-Kilman/Heyne/e485083.rhd

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Essay: Totalitär oder liberal!?

Die Totalitären haben die längeren Schießeisen

… und welche Alternativen haben wir?

Glück, Gesundheit, Wohlstand, Arbeitsplätze, gute Rente, kostenlose Bildung, Sicherheit, Freiheit, gutes Leben … unsere Erwartungen an den Staat sind hoch, oft voller Widersprüche und unrealistisch. Trotzdem werden sie von vielen Politikern versprochen und in ihre Programme eingebunden. Und zu diesen Programmen gebe es keine Alternativen.

Machthaber im Allgemeinen werden sich hüten, genau zu definieren, was alles als alternativ angesehen werden könnte. Denn das würde ja bedeuten, dass sie Ratschläge zu ihrer eigenen Abwahl und damit Ablösung erteilen würden. Also wird man von offizieller Seite niemals hingehen und sogenannte Alternativen zu benennen.

Um diese Alternativlosigkeit zu begründen, brauchen die Herrschenden ein zentrales Feindbild, dessen drohende Schatten sie überall heraufziehen sehen. Bis Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren das die Linken, die Roten. „Lieber tot als rot.“ Und wer erinnert sich nicht an die Rote-Socken-Kampagne der CDU im Bundestagswahlkampf 1994. Ein letzter, gescheiterter Versuch des damaligen Generalsekretärs der CDU, Peter Hintze, das alte Feindbild neu aufzulegen.

Um eine solche Strategie wirkungsvoll gestalten zu können, müssen Politiker nicht unbedingt lügen. Obwohl schon Otto von Bismarck gesagt haben soll: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“ Nein, sie erzählen nur nicht die ganze Wahrheit, betonen das, was ihnen nutzen könnte und verschweigen alles andere. Auch Hannah Arendt argumentierte, dass das bloße Sagen der Wahrheit dem Wesen der Politik widerspräche. Das Verkünden der Wahrheit sei despotisch und lasse keine Debatte zu. Kein Wunder, dass die Bevölkerung immer politikerverdrossen wird und immer weniger das glaubt, was ihnen von offizieller Seite vorgegeben wird.

Nach langen Jahren einer scheinbaren Ruhe an der Feindbildfront ist jetzt endgültig ein neuer Feind ausgemacht: die Populisten. Und auch diese arbeiten mit Feinbildern, die sie von Einzelgegnern wie die Juden, die Muslime, die Flüchtlinge, die Monopolkapitalisten immer breiter ziehen und alle, die nicht ihrer Meinung sind zum Feind des Volkes erklären, die Andersdenkenden, die Intellektuellen und natürlich die Elite. Wobei für viele schon jemand, der einen grammatikalisch und stilistisch richtigen Satz in der deutschen Sprache formuliert, zu den elitären intellektuellen zählt.

Populisten ist für mich ein nichtssagendes Wort, das inflationär gebraucht wird. Denn hinter dieser Maske der Verharmloser und Vereinfacher, dank derer wir nicht mehr differenziert nachzudenken brauchen steht ein totalitärer Herrschaftsanspruch.

Da kommen doch Leute an die Macht und das noch durch allgemeine Wahlen legitimiert, die wesentliche Elemente wie Meinungsfreiheit oder Menschenrechte aufgeben: Kaczyński in Polen, Orbàn in Ungarn, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland, Shinzo Abe in Japan und Donald Trump in Amerika. Von Wilders und Marine Le Pen wollen wir gar nicht reden. Sie wollen eigentlich keine Revolution im Sinne eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Strukturwandels, sondern sie nutzen Stimmungen in der Bevölkerung und teilen immer in „Wir“ und „Die da“, um darauf ihre ganz persönlichen Ideen zum eigenen Macht- und Besitzerhalt durchzusetzen. Mancher von ihnen glaubt sogar selbst daran, Politik zu machen, ohne dass es um etwas Größeres ginge, als um die eigenen narzisstischen Interessen. Und die Spitze des Widersinns ist erreicht, wenn jemand, der zum Establishment gehört, also „oben“ ist, seine Parolen aufbaut auf dem Feindbild „Ihr da oben – wir da unten“.

Ihr aller Vorläufer war Silvio Berlusconi, ein wahres Phänomen. Er wurde ebenfalls von einer tief sitzenden Zustimmung breiter Kreise getragen. Und dieses Phänomen lässt sich einfach verstehen:

Diese Typen präsentieren sich ständig als strahlende Sieger.

Sie zeichnen sich aus durch die Anhäufung von Vermögen – mehr oder weniger legal erworben, durch Bestechlichkeit, durch Willkür gegenüber den Gesetzen, durch Verachtung der anderen. Und diese destruktive Charakterstruktur entspricht tatsächlich auch der tiefen Sehnsucht breiter Kreise: „Eigentlich möchten wir selber Berlusconi sein“, sagt Roberto Saviano, Autor des Buches „Gomorrha“. Er macht darauf aufmerksam, wie verdorben die Charakterstrukturen nicht nur der Herrschenden, sondern auch der Beherrschten sind. Berlusconi und Co. können sagen: „Meine Wähler wollen mich so.“ (Seite 374)Die sogenannte Elite in Politik und Ökonomie vertritt die Interessen „ihres Volkes“. Der Mensch kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit.

Wie aber funktioniert das? Die Massenmedien der Herrschenden haben „im Volk“ genau das Bewusstsein geschaffen, das die eigene Karriere sichert. Das gilt nicht nur für das System Berlusconi und seine Nachfolger, sondern – auf weniger fundamentalistische, aber dennoch auf wirksame Weise – für alle Formen gesellschaftlicher Besitzstandswahrung.

Mit allen dieser Richtungen wird das Grundproblem nicht gelöst: Die Abhängigkeit und Unfreiheit der meisten Menschen. Im Gegenteil: Der Totalitarismus, eine diktatorische Form von Herrschaft wirkt in alle sozialen Verhältnisse ein. Wir brauchen nur einen Blick in die jüngere Vergangenheit zu werfen und wir sehen das nationalsozialistische Deutschland, den Stalinismus, die DDR, das Nordkorea als Prototypen totalitärer Regime, die in ihrer alles durchdringenden Ideologie nicht auf ein kritisches Bewusstsein setzen, sondern auf Überzeugungen.

In diesen Systemen gibt es keine Gewaltenteilung. Legislative, Exekutive und Judikative sind nicht unabhängig und getrennt voneinander, sondern liegen in der Hand des Diktators oder der herrschenden Partei.

Die bürgerlichen Freiheiten fallen nach und nach und die Menschenrechte werden missachtet. Keine Meinungsfreiheit, keine Medienfreiheit, de facto keine Religions- und Gewissensfreiheit, keine Freiheit der Kunst und Lehre. Das Pressewesen wird weitestgehend durch den Diktator bzw. die herrschende Partei beeinflusst. Die Meinungsfreiheit wird durch die Zensur unterdrückt oder ist gar nicht mehr vorhanden.

Oder wie Hannah Arendt in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft sagte: „Das wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet“ (Seite 958)

Dagegen müssen sich die Verfechter einer liberalen Demokratie vehement erheben. Gut, die Demokratie verspricht kein gutes Leben. Sicherheit und Freiheit lassen sich in der Demokratie nicht gegeneinander abwägen. Konsens ist kein demokratisches Ideal. Moralismus und politische Empfindsamkeit ersetzen in der Demokratie weder Argumente noch politische Konflikte.

Aber Demokratie ist der einzige rechtlich-politische Raum, in dem Menschen ihr Leben und die alle gemeinsam betreffenden Fragen aktiv und in Freiheit miteinander gestalten. Nur in einer Demokratie können wir miteinander klarkommen, auch wenn es unvereinbare Positionen gibt. Gerade wir in Gesamtdeutschland haben doch in den letzten hundert Jahren schon alle Formen erlebt. Könnte es vielleicht sein, dass die so gescholtene Parteiendemokratie einfach das kleinste Übel ist?

Wir brauchen Demokratie, weil verhindert werden muss, dass ein Egoist die anderen unterdrückt; viele gemeinsam schlauer sind als einer alleine; Entscheidungen besser akzeptiert werden, wenn alle beteiligt sind. Gegen Demokratieverdruss hilft nur mehr Demokratie. Und die Demokratie funktioniert umso besser, je mehr wir uns verantwortlich fühlen, je mehr wir uns einmischen.

Die Möglichkeiten, sich einzumischen, sind zahlreich. Vom Stadtteil bis zum Parlament, von der Schule bis zum Arbeitsplatz. Sich vor allem einmischen in die eigenen Angelegenheiten. Doch wer hat den Mut gegen den Strom zu schwimmen? Ist es nicht einfacher in der Masse der Schweigenden, Mitläufer oder Desinteressierten unterzutauchen? Kurzfristig ja! Aber langfristig ist es für jeden Einzelnen wesentlich befriedigender, dort einzugreifen, wo Not am Mann oder an der Frau ist, sich so verhalten, wie wir tatsächlich empfinden. Plappern Sie nicht nach. Zeigen Sie, wie Sie selbst denken, fühlen und handeln. Das ist die Macht, die wir brauchen.

Und entwickeln Sie ein gesundes Misstrauen. „Glauben Sie niemand, der von sich behauptet, er komme immer zum Orgasmus.“ (Brigitte Zypries)

Rezension: Chirú – Michela Murgia – Klaus Wagenbach Verlag

Die Brüche der menschlichen Seele

Chirú – Michela Murgia (Autorin), Julika Brandestini (Übersetzerin) 206 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach (10. März 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3803132871

Chirú ist ein Roman über die Geschichte der Beziehung zwischen Eleonora, einer versierten Theaterschauspielerin von achtunddreißig und Chirú, einem aufstrebenden und ambitionierten Geiger zwanzig Jahre jünger, dem Eleonora helfen will, eine Karriere zu starten.

Zwischen ihnen entsteht sofort ein Vertrauensverhältnis, das über die herkömmliche Beziehung zwischen einem Lehrer und dem Lernenden hinausgeht. Es bleibt unklar, wer lehrt oder wer lernt und ob es angemessen ist, aus ihren Rollen etwas zu übertragen. „Ich habe Chirú an dem Geruch von Fäulnis erkannt, der aus seinem Inneren drang, derselbe Geruch wie bei mir.“ (Seite 7).

Die Unterrichtsstunden finden nicht in den vier Wänden eines Klassenzimmers statt, sondern in der Altstadt von Cagliari, wenn sie Sandwiches und Pommes essen, beim Sprechen über Mozart und Da Ponte; in Cafés, in den Straßen und am Strand, wenn der Mistral weht. Die Lektionen werden fortgesetzt auf einer Tournee von Eleonora in Stockholm, Prag und Florenz; und es ist in der Stadt Florenz, wo ihre Geschichte eine neue Wendung nimmt.

In 18 Lektionen erfahren wir nicht nur über die Beziehung zwischen Chirú und Eleonora, sondern Eleonora denkt zurück an ihre Kindheit, die Beziehung zu ihren Eltern, mit einem dominanten Vater, einer Mutter, die nicht Rebell sein konnte und einem Bruder, mit denen es keine Verständigung gab. Wir kehren zurück zu der Zeit, als sie selber eine Schülerin von Fabrizio war, der auch heute noch viele Jahre später, ihr Führer, ihr Mentor ist. Zusätzlich atmen wir in diesen „Unterrichtsstunden“ einen Hauch von Freiheit, aus dem neue Gedanken entstehen und wir lernen, Dinge aus einer Sicht zu sehen, die wir nicht kennen.

Das große Thema des Romans ist ein universelles: wie und von wem lernen wir, uns von Einflüssen zu lösen und unseren persönlichen Einsichten unabhängig zu folgen? „Ich war ein fröhliches Kind, dessen Laune nur durch bestimmte Anlässe getrübt wurde. Anders als der Rest meiner Familie verstand ich bereits mit acht Jahren, mich alleine glücklich zu machen, und mit achtunddreißig setzte ich jeden Tag alles daran, mir diese Autarkie des Herzens zu bewahren, ohne dies als Einsamkeit zu bezeichnen.“ (Seite 110) Oder täuschen wir uns, wenn wir glauben in der Lage zu sein, unsere Gefühle in ihrer Unberechenbarkeit steuern zu können?

Es geht um zwei zentrale Elemente jedes Menschen: über Macht, über das Verhältnis zur Macht und über Machtverhältnisse. Und das zweite Element ist die Rolle der Geschlechter, die in der Kombination mit Macht einen besonderen Reiz entfaltet. „Die Mutter, die Geliebte und die Lehrerin bildeten eine symbolische Triade, die nicht einen ihrer Bestandteile verlieren durfte. Die ersten beiden hielten sich gegenseitig im Zaum, und die dritte erinnerte die beiden anderen daran, dass das Privileg dieser Spannung nicht ewig fortdauern würde.“ (Seite 115)

Die beiden Protagonisten stellen dar, was wir nicht sind, sondern zeigen das Streben, was wir gerne werden wollen. Und wir sehen, dass die Grenzen zwischen Realität und Fantasie viel schwächer und durchlässiger sind, als den meisten Menschen bewusst ist.

Michaela Murgia schreibt einen faszinierenden Stil, schnörkellos, lebendig und scharf, manchmal roh. Die Autorin schafft es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, authentisch und spannend. Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Michela Murgia den Gefühlen Wort zu geben, die Schatten  der Seele und ihre psychologische Falten in dieser ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem Schüler und Lehrer auszuleuchtet. Jeder Satz kriecht in verborgene Bereiche der menschlichen Seele. Ein Stil der den Leser fordert, und ihn gleichzeitig verwöhnt. „Whisky, der in einem Glas schwappte und sein unverwechselbares Aroma von gelöschtem Feuer verbreitet.“ (Seite 113) Allein schon wegen des ästhetischen Genusses solcher Sätze und Vergleiche lohnt sich das Buch.

Michela Murgia liefert mit Chirú eine starke Geschichte von Begegnungen und Auseinandersetzungen, von Gewissheiten und Zweifel.

Ganz einfach: ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1104-chiru.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de